Lesen und Schreiben als soziales Risiko 


Seit den 1980er Jahren entwickelt sich mit sozialkulturellen Milieus eine neue Sozialstruktur. Sie entsteht zum einen aus der bekannte hierarchischen Gliederung nach Schichten, die von der schulischen Bildung und dem Beruf abhängen. Neu ist dagegen eine Gliederung nach Lebensstilen und Werten, die die Menschen in sozialkulturellen Milieus zusammenführt. Diese Milieus sind über eine Werteorientierung und Lebensstilorientierung selber gewählt. Mit der neuen Lebensstilorientierung geht auch ein Wandel der Lernformen einher, die u.a. zur Distanz, teilweise auch zur Ablehnung von formaler Bildung und Schule führt. Bei prekären Milieus mit minimalen Berufserfolgen und einer Orientierung am materiellen Konsum oder an Flexibilität und Diskontinuität ist eine geringe Bildungsorientierung oder sogar eine Ablehnung von Schule nicht unwahrscheinlich. Als Stichwort dazu hat sich 'bildungsfern' eingebürgert.

Zudem gibt es eine grundlegende Verschiebung bei den für unsere Kultur wichtigen Textformen, weg vom Fließtext des Essays (kontinuierlicher Text) hin zu sogenannten diskontinuierlichen Texten des Internet. Bei diesen diskontinuierlichen Texten handelt es sich um eine Mischung von Bildern, Schrift, Tönen und Videos. Der Fachbegriff dafür ist der multimediale, multimodale Text. In bildungsfernen Milieus hat sich die Kompetenz im Umgang mit kontinuierlichen Texten, als den schriftlichen, getippten Texten des Essays, des Berichts usw. teilweise soweit reduziert, dass es erhebliche Probleme gibt, angemessen bezahlte Arbeit zu finden, so die Ergebnisse der Untersuchung Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC) von 2013. Praktische Ziele ist die Kompetenz für Kultur-Ressource des Lesens und des Schreibens kontinuierlicher und diskontinuierlicher Texte zu fördern. Im Vordergrund steht dabei, die bei den Kindern und Jugendlichen vorhandenen Schreibkompetenzen diskontinuierlicher Texte der Alltagskultur als ihre Kulturressourcen und damit als wichtig und angemessen für Selbstausdruck anzuerkennen, wertzuschätzen und fördernd weiterzuentwickeln. Argumentativer Ausgangspunkt, die Kompetenz diskontinuierlicher Texte zu entwickeln, ist das von der Stiftung Bertelsmann im "Chancenspiegel" (2012) vorgestellte Modell der Sozialen Gerechtigkeit mit den folgenden drei Komponenten:

- Faire Chancen zur Teilhabe an der Gesellschaft , die die Schule garantiert;

- Anbindung an persönliche Lebensstile und Lebensläufe;

- Kommunikative Freiheit mit der Anerkennung von abweichenden und unerwarteten Kompetenzen.

Lernen - soziales Risiko & soziale Gerechtigkeit

Ben Bachmair 2011
(ben-bachmair.de): 
Subjektive Kulturressourcen akzeptierend und wertschätzend in den schulischen Lernprozess integrierenLernen_files/Risiko-Lerner%20lesen%20+%20schreiben.docx
Short English versionLernen_files/English%20short%20version%20reading+writing.docx